KSK Neuss vs Wrestling Tigers

Ergebnisse

Bundesliga-Auftakt nach Maß
(Bericht von Alex Jodas)

Furioser Bundesliga Auftaktkampf von Konkordia Neuss gegen Wrestling Tigers Rhein/Nahe mit deutlichem 22:7 Sieg.

Das war heute ein Auftakt nach Maß. Es war nicht nicht nur der erste Saisonkampf für Neuss. Es war auch der erste Kampf nach Jahren wieder in der ersten Bundesliga. Umso gespannter durfte man sein, wie sie sich in der höchsten deutschen Klasse positionieren würden.

Das fragten sich viele, aus allen Ecken von NRW war man heute hier hin gepilgert, um endlich wieder Ringerluft zu schnuppern. Wenn auch unter erschwerten Corona-Bedingungen durch die Atemmaske. Im Vorfeld bildete sich eine zwanzig Meter lange Schlange vor der Halle. Alle wollten dabei sein, denn in NRW sind alle anderen Mannschaftskämpfe der anderen Ligen abgesagt worden. Und dann zog auch noch Witten wegen eines positiven Corona Tests seine Mannschaft zurück. So bleibt in dieser Saison Neuss der einzige Verein in NRW, der live Ringen anbietet.

Im Vorprogramm wird das Publikum mit einer Tanzgruppe eingeheizt. Die große Halle ist gut gefüllt trotz Abstandsvorschriften. Die Zuschauer werden angehalten, sich ihre Masken überzuziehen.

Dann geht es endlich los. Endlich, wie lange haben wir uns darauf gefreut, da haben wir in diesem schicksalhaften Pandemiejahr gar nicht mehr mit gerechnet. Und das Publikum wird im 57 Kilokampf mit einem besonders schönen Kampf zwischen Vladimir Todorov Tumparov von Neuss gegen Ahmed Alfaraj verwöhnt. Hier liefern sich die beiden Leichtgewichte von der ersten Minute einen offenen Schlagaustausch, bei dem die Punkte nur so in Sekundenschnelle herunter rattern. Die beiden Ringer sind in der ersten Halbzeit noch auf Augenhöhe, mal führt der Neusser, mal der Bad Kreuznacher. Es wird uns die gesamte bunte Palette der Freistil-Techniken vorgeführt. Ein Schreckmoment in der zweiten Minute für die Neusser, als der Koblenzer Tumparov mit einem Kopfhüftzug in die gefährliche Lage verfrachtet. Aber Tumparov ist hier noch hellwach und überträgt seinen Gegner. Jetzt findet sich plötzlich Alfaraj in der gefährlichen Lage wieder. Kann sich aber noch raus retten. Der Kampf in der ersten Halbzeit ist eine regelrechte emotionale Achterbahnfahrt. In der zweiten Halbzeit allerdings ist Schluss mit dem Kampf auf Augenhöhe. Der Neusser zeigt Konditionsschwächen und bricht live vor den Zuschauern ein. Er pfeift aus dem letzten Loch. Wird er ein Opfer von mangelnden Training? Jetzt punktet auf jeden Fall nur noch Alfaraj. Der Neusser kann letztendlich noch froh sein, dass er nicht technisch Unterlegen unter die Räder gelangt, er verliert 10:22 nach Punkten.

Besser läuft es bei den schweren Jungens für Neuss. In 130 Kilo gewinnt der dritte der Junioren-Weltmeisterschaften Dariusz Vitek gegen Otto Martin locker 10:1 nach Punkten. In jeder Situation des Kampfes beherrscht er die sechs Minuten auf der Matte, er kann Otto mehrfach durchdrehen und zieht im Stand einen Kopfhüftzug. In der Mannschaftswertung steht es jetzt Unentschieden 3:3.

Im kommenden 61 Kilo Kampf zwischen dem Neusser Ahmed Aruhano gegen Marvin Scherer scheint der Koblenzer überlegen zu sein. Der Neusser wird wegen passiven Ringens mehrfach auf den Boden geschickt. Hier hebt Scherer seinen Gegner mustergültig aus, geht an den Mattenrand und stürzt ihn schulbuchmäßig über. Doch Aruhano ist beweglich als wäre er aus Gummi. Er schafft es, sich im Flug wie ein glatter Aal raus zu winden und zu sich zu drehen. So landet er auf dem Bauch. Dennoch erhält der Koblenzer vier Punkte. Das Publikum beschwert sich, hier waren höchstens zwei Punkte gerechtfertigt. Und der ganze Kampf läuft nach dem gleichen Schema ab. Aruhano wird mehrfach auf den Boden geschickt, Scherer hebt den Neusser aus. Und jedes mal dreht sich sein Gummigegner raus, so das Scherer sogar selbst einmal in die gefährliche Lage gerät. Der Koblenzer verzweifelt geradezu an der Elastizität des Neussers, kann aber die Ausheber nicht sein lassen. So schlägt sich Aruhano beachtlich aus der Affäre und kann mit einer knappen 5:11 Niederlage für Neuss den Schaden möglichst gering halten. Es steht jetzt 3:5 für Bad Kreuznach.

Die 98 Kilo Freistil sind für Neuss wiederum eine klare Sache. Adlan Tasuyeu zieht in der ersten Minute gegen den Koblenzer Stefan Kehrer eine dermaßen enge Kopfschleuder, dass man beim Zuschauen schon Klaustrophobie bekommt. Kehrer beschwert sich beim Kampfrichter, dass der Neusser in seinem Mund gefasst und an der Wange gezerrt hätte. Der Kampfrichter bestraft den Neusser daraufhin mit der Bodenlage. Der Mann aus Bad Kreuznach dreht erfolgreich einen Durchdreher. Das war es aber für den Gastringer. Ab jetzt punktet nur noch Tasuyeu mit Beinangriffen. Es gibt eine klare Sache mit einem 13:3 Sieg für den Neusser. Ab jetzt führen die Neusser knapp mit 6:5. Es bleibt also spannend.

Der folgende Kampf beeindruckt am meisten an diesem Abend, denn der 66 Kilo Freistil Kämpfer Ayub Musaev ist noch im zarten Jugendalter von 18 Jahren und hat bisher nur in der Oberliga gerungen. Dennoch legt er einen dermaßen professionellen Auftritt aufs Parkett, Pardon, natürlich auf die Matte. Denn er lässt seinem Gegner Alexandru Chirtoaca nicht den Hauch einer Chance. Pfeilschnell taucht Musaev ab und bedient sich beliebig an den Beinen seines Gegners. Und eh er sich versieht ist der Neusser auch schon Hintermann. Und so geht es die gesamte Kampfzeit weiter, nur der Neusser punktet. Und trotz Abstandsregeln in der Halle: Jetzt tobt das Publikum, das will man sehen, das ist Ringen vom feinsten. Hier macht das zusehen Spaß, das sieht schon mehr nach Spiel aus, was der Neusser mit seinem Gegner vollzieht. Dieses Spiel geht über viereinhalb Minuten weiter bis zur technischen Überlegenheit, Chirtoaca wird hier zum Sparringspartner oder Statisten degradiert. Und das, obwohl Chirtoaca dritter der European Games 2015 und fünfter der Europameisterschaften 2013 war. Wow!

Mit einer komfortablen 10:5 Führung können die Neusser entspannt in die in die Pause gehen. Denn für die zweite Halbzeit haben die Neusser noch einige Trümpfe im Ärmel. So haben sie in der 80 Kiloklasse diese Woche noch einen Neuzugang erhalten. Dieser konnte nur durch die Tatsache stattfinden, weil der Bundesligist KSV Witten durch den positiven Corona Test eines Athleten seiner Mannschaft sich aus dem Ligabetrieb zurückzogen hatte. So durfte der Wittener, der eben noch frisch von Greiz ins Ruhrgebiet verpflichtet wurde, für Neuss antreten.

Nach der Pause tritt aber erst Mal in der 86 Kiloklasse Griechisch Römisch mit dem jungen Julian Lejkin ein weiteres Neusser Eigengewächs auf der Matte gegen Vaslie Tsaran an. Hier sehen wir einen eher spannungsarmen Kampf auf Augenhöhe, so wie man es von der ersten Liga her kennt. Nichts wird sich geschenkt, nichts wird zugelassen. Und leider passiert auch nicht viel. Außer, dass Lejkin auf den Boden geschickt wird. Tarsan hebt den Neusser aus und versucht ihn überzustürzen. Lejkin durchkreuzt die Absichten des Koblenzers und fängt ihn ab. Tsaran liegt kurz in der gefährlichen Lage. Lejkin führt und macht den Sack zu wie ein alter Profi. Er fährt einen ungefährdeten 5:1 Sicherheits- Punktesieg ein. Da bedeuten zwei Punkte für die Mannschaft, Neuss baut seinen Vorsprung auf 12:5 aus.

In 71 Kilo unterliegt Iwan Tagner gegen den Bad Kreuzenacher Daniel Meiser 4:11 nach Punkten. Der junge Neusser hält somit den Schaden für die Mannschaft klein, das sind nur zwei Punkte für den gegnerischen Klub. Jetzt steht es 12:7 für Neuss.

In der 80 Kiloklasse sehen wir den schon erwähnten ganz taufrischen Neuzugang Daniel Sartakov gegen Maximilian Otto. Hier gibt es einen einseitigen Kampfverlauf, Sartakov dominiert Otto nach Belieben. Er gewinnt technisch Überlegen nach Viereinhalb Minuten.

Jetzt führen die Neusser schon 16:7 nach Punkten zwei Kämpfen vor Schluss. Das bedeutet, das jetzt die Tigers nur noch rein rechnerisch gesehen mit zwei Schultersiegen gewinnen könnten. Davon geht aber auch der größte Pessimist hier nicht aus, denn die letzten beiden zwei Neusser 75 Kilokämpfer haben es auch in sich.

So das Neusser Eigengewächs Lom-Ali Eskijev mit dem schönsten und exotischsten Namen der Liga, der ehemals aus Tschetschenien stammt und dort das Ringen von der Pike auf gelernt hat. Er ist seit Jahren einer der besten MMA Profis weltweit, einer der Männer, die so gefährlich sind, dass sie in ein Käfig gesperrt werden müssen. Aber als Mensch ist der sympatische Lom-Ali Eskijev zahm wie ein Lamm und beim Ringen ein Athlet zum anfassen. Wird der bisherige Oberligakämpfer auch in der Bundesliga bestehen können? Die Antwort sehen wir eindrücklich in den kommenden sechs Minuten auf der Matte gegen Arkadiusz Böhm. Hier fegt er kritische Fragen über seine Bundesligatauglichkeit vom Tisch. Nach anfänglichem Abtasten der beiden Kämpfer überrascht Lom-Eskijev mit dem Saitev: Abstreifen der Hand aus dem Nacken bei gleichzeitigen abtauchen ans Bein. Hier beißt Lom sich fest wie ein Terrier und macht die Hintermannpunkte. Das geht bei ihm wie aus einem Guss, er kann diesen Griff mehrfach anwenden. Böhm traut sich schon gar nicht mehr, die Hand in Eskijevs Nacken zu legen. Und als ob er uns besonders lange mit seiner vorzüglichen Technik beglücken möchte, kämpft er fast punktgenau nur fünf Sekunden vor Kampfende bis zur technischen Überlegenheit.

Jetzt steht es 16: 7 für Neuss, hiermit stehen sie bereits als vorzeitiger Sieger dieses Mannschaftskampfes fest.

Als letzten Kampf in der 75 Kiloklasse tritt Samuel Bellscheidt gegen den Kreuznacher Vladislav Ivanov im Griechisch Römischen Stil an. Auch für den international hoch dekorierten Neusser Nachwuchsringer ist die Bundesliga Neuland. Aber er zeigt in diesem Kampf keine Schwächen. Auch wenn sein Gegner ein harter ausgebuffter Knochen ist, an dem Samuel schwer zu knabbern hat. Letztendlich fällt die Entscheidung im Bodenkampf, hier kann Bellscheid seinen Gegner durchdrehen.

So gewinnen die Neusser heute völlig verdient mit 22:7 und haben sich somit eindrucksvoll in die erste Bundesliga zurückgemeldet. In einem Jahr, wo durch Corona alles anders ist und wo das sportliche in den Hintergrund gerät. In einer Saison, wo es eigentlich um nichts geht, keiner kann absteigen, und man sich fragen muss, ob es je überhaupt dazu kommen wird, ob die Meisterschaft ausgetragen wird. Denn wenn weitere Coronafälle unter den Athleten auftreten, kann der weitere Saisonverlauf zunichte gemacht werden. Umso mehr hat einen dieser Abend erfreut, der einem ein Stück Sportnormalität geschenkt hat. Beeindruckt haben mich vor allem die jungen Neusser Eigengewächse, die ihre Bewährungsprobe in der dünnen Bundesligaluft bestanden haben.

Autor: Alex Jodas

 

Bilder mit freundlicher Genehmigung von Oliver Stach